Brief an die Redaktion des ZSZ

Lieber Herr Zoss
Ihr Artikel hat mir nicht so gut gefallen. Diesmal hat es nichts damit zu tun, dass die Moderation kritisiert wurde. Es hat mehr damit zu tun, dass mir der Artikel zu wenig sorgfältig geschrieben erschien.
Auf mich macht er den Eindruck der Flüchtigkeit. Unserer Meinung (Tom Combos und meine) nach sind Sie bereits nach der Pause gegangen, haben also den Schluss, der bei dieser Art Veranstaltung wichtig ist, nicht mitbekommen. Ihr Artikel erzeugt bei uns die Einschätzung, dass Sie die Szene nicht kennen, noch deren Schriften, Stimmen und Publikum.
Und jetzt meine Meinung: Ihre Kritik am Format des Poetry-Slams, zu dem das Bewerten durch das Publikum gehört, ist oberflächlich und verrät Ihre nur flüchtigen Kenntnisse der Sache.
Man muss sehen, dass diese Veranstaltungsform seit über 30 Jahren weltweit existiert. Ich war schon an Slams in München, Lichtenstein, Stuttgart, habe französische und amerikanische Slammer (eben auch in englisch und französisch) gehört. Das tönt unglaublich gut.
Sie üben Grundsatzkritik am Format. Wie wollen die in Chicago, wo der Poety-Slam erfunden wurde zur Kenntnis nehmen, dass die Bewertung unnötig sei. Zudem ist die Geschichte des Poetry-Slams anders verlaufen, als Sie es anklingen lassen. Marc Kelly Smith, den Begründer dieser Vortragsform, habe ich selber schon an Veranstaltungen live slammen und von seinen Anfängen erzählen gehört.
Wenn Sie also etwas gehaltvolles zur Geschichte und zum Funktionieren des Poetry-Slams sagen wollten, müsste das etwas genauer recherchiert sein, sonst tönt es oberflächlich und eher nach einem Geschmacksurteil des eben Erlebten, gemessen an den momentanen und persönlichen Urteilsmöglichkeiten. Es gibt schon Aspekte des Poetry-Slams, die man diskutieren kann und auch muss, damit sich diese Veranstaltungsform weiterentwickelt. Wie gesagt, es ist keine harmlose Sache.
Ich habe den Artikel trotzdem auf unsere Webseite gestellt. Ich bin der Meinung, halt wie beim Slam auch, dass jeder und jede, der/die etwas sagen will, sagen kann, was sie und er zu sagen hat. Muss aber auch damit rechnen, dass andere das nicht so gut finden und Kritik üben, wie wir die Kritik auch anhören.
Soviel zum Poetry-Slam.
Nun noch zur Erwähnung des Veranstalters: Sie schreiben zwar einen längeren Artikel über die Veranstaltung, erwähnen aber die Lesegesellschaft als Veranstalter nicht. Was müssen wir noch tun, um zur Kenntnis genommen zu werden? Ueli Burkhardt vom Ticino hat Sie an uns verwiesen mit dem Hinweis, dass dies eine Veranstaltung der Lesegesellschaft sei, Tom Combo hat die Lesegesellschaft x-mal erwähnt und wir hatten unsere Aufdrucke auf Flipchart und Blöcken.
Der Hinweis ist uns wichtig, da wir unsere Arbeit und unseren Beitrag zum Kulturleben in Wädenswil durchaus mit grossem Ernst und erst noch freiwillig ohne Gagen und irgendwelchen materiellen Vorteilen einfach aus Freude an der Vielfalt sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten machen. Da möchten wir wenigstens lesen, dass wir es waren, die die Sache angezettelt hatten. Wir schämen uns überhaupt nicht dafür.
Mit freundliche Grüssen
René Peter

 

Dem wäre noch das Faktische beizufügen:
Poetry-Slam ist nun einmal ein Wettstreit, den das Publikum entscheidet. Dieses Format erlaubt viele Möglichkeiten der Dramaturgie. Entweder man nimmt die Vorträge als Anlass das Publikum anhand eines Wettbewerbs aufzupeitschen, oder man lässt die Texte leben. (Man könnte die Spannung mit einer Wette noch erhöhen, ein Wettbureau eröffnen und die Leute auf einen Poeten wetten lassen... ) D.h. Man kann die Moderation des Wettbewerbs so oder anders gestalten. Hier liegen viele Variationen drin.
Aber dass es eine Siegerin oder einen Sieger geben muss, ist eine Bedingung dieser Art Literaturvortrages. Will man hingegen das Wettbewerbselement gar nicht, wählt man ein anderes Arrangement. Die Kritik (vgl. Artikel) müsste nicht auf Wettbewerb ja oder nein sondern auf Wettbewerb wie und mit welchem Gewicht abheben.
Diese Diskussion wird aber in der Szene sehr engagiert geführt.

Zum Rededuell in Chicago (vgl. Artikel). Ich denke hier werden mehrere Dinge ineinander verschmolzen. Die Legende bezieht sich wohl eher auf die Antike als auf Chicago. Man schreibt Hesiod und Homer einen Wettstreit zu, den das Publikum zugunsten Hesiods entschieden hat. Zwar kann es diesen Wettbewerb nie gegeben haben, da die beiden zu unterschiedlichen Zeiten lebten. Aber was viele vor allem römische Quellen bezeugen, ist der Redewettstreit unter RhetorInnen, SängerInnen (Chören) und DichterInnen.
So gesehen hat der Poetry-Slam seine Wurzeln in der antiken Dichtkultur.
Und klar einen Erfinder des Poetry-Slam in diesem Sinne gibt es daher nicht, aber Leute, die das Format wieder zu neuem Leben erweckten. Zu ihnen Gehört Marc Kelly Smith.

 
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