Lesetipps

Zweimal jährlich veröffentlichen wir unsere ganz persönlichen Lesetipps aus dem Vorstand und der Arbeitsgruppe der Lesegesellschaft.

Vom Ende einer Geschichte

Lesetipp von Thomas Dütsch

Seit Tony Webster pensioniert ist, hat er viel Zeit, über sein Leben und das Älterwerden nachzudenken. Er ist geschieden, hat eine Tochter und einen Enkel, den er aber nur selten sieht. Zu Beginn des Romans erinnert sich Tony an seine Zeit auf dem College. Er gehörte zu einer Gruppe von drei Freunden, zu der Adrian, als vierter, dazu stieß. Adrian ist wortkarg und etwas verschlossen, aber blitzgescheit. Im Geschichtsunterricht glänzt er mit klugen Antworten und fordert den Lehrer und seine Kameraden heraus. Nach dem Abitur trennen sich die Wege, doch die vier Freunde bleiben verbunden. Es sind die sechziger Jahre, man schreibt sich Briefe. Tony lernt Veronika kennen, die beiden «gehen zusammen», er lernt sogar ihre Eltern und ihren Bruder kennen, doch Veronika hält Tony auf Distanz. Nachdem Veronika Tonys Freunde kennengelernt hat, verlässt sie ihn und wird die Partnerin von Adrian. Wenig später erreicht Tony die Nachricht von Adrians Freitod.

Ein halbes Leben später ist für Tony das Schicksal von Adrian immer noch ein Rätsel. Er macht sich auf die Suche nach Veronika, die ihm aber keine rechte Auskunft geben will. Also versucht er auf eigene Faust, das Geheimnis von Adrians frühem Tod zu lüften. Julian Barnes gelingt es, diesen eher einfachen Plot dank geschickter Dramaturgie in eine unglaublich spannende Geschichte zu verwandeln. Was das Buch aber weit über andere Werke hinaushebt, sind die Gedanken, die sich Tony Webster über das Leben, das Altern, über das Erinnern und die Frage macht, wie offen man als Erzähler gegenüber sich und seinen Leserinnen und Lesern sein soll. Am Ende schlägt man das Buch zu und wirft einen neuen Blick auf sich selbst; es ist ein Blick voller Nachdenklichkeit, aber auch voller Trost. «Vom Ende einer Geschichte» ist ein Lebensbuch. Sehr zu Recht ist es 2011 mit dem Man Booker-Price ausgezeichnet worden.

Julian Barnes, Vom Ende einer Geschichte. Roman, 182 Seiten
btb Taschenbuch Verlag 2013, ISBN 978-3-442-74547-0

Ich denk, ich denk zu viel

Ich denk, ich denk zu viel

Lesetipp von Judith Hollay Humm

Wenn Sie im Sommer feststellen, dass sich in Ihrem Kopf einiges dreht und immer grössere Runden macht, dann gehören diese Erzählungen in Ihr Feriengepäck! Nina Kunz, Schweizer Kolumnistin des Jahres 2018 und 2020, berichtet von ihren persönlichen Erlebnissen und Erkenntnissen über Ängste, Sehnsüchte und Alltagssituationen. Sie beobachtet kulturelle Phänomene unserer Gesellschaft zwischen Wohlstand und Existenzkrise.

Warum kann sich trotz aller Privilegien nicht alles so leicht und flüssig anfühlen? Woher stammt diese Unsicherheit?

Sehr persönlich und präzis beschreibt Nina Kunz ihre Gedanken in 30 Texten zu drei Themenbereichen: Sinnkrisen – Selbstzweifel – Sehnsüchte.
Eine Buchempfehlung, die Leichtigkeit und Schwung vermittelt und auf weitere Bücher zu hochaktuellen gesellschaftlichen Themen motiviert. Diese Erzählsammlung bietet uns auch interessante literarische Bezüge mit einer Zusammenfassung der wichtigsten feministischen Literatur in den letzten zehn Jahren.
Fangen Sie nicht grad mit dem Kapitel Selbstzweifel an, starten Sie mit Sehnsüchten, dann werden Ihre Gedankenrunden Ruhe finden.

Nina Kunz, Ich denke, ich denke zu viel,
Erzählendes Sachbuch, 192 Seiten
Kein & Aber, Zürich-Berlin, 2021, ISBN 978-3-0369-6184-2

Im Meer waren wir nie

Im Meer waren wir nie

Lesetipp von Christoph Gellner

Meral Kureyshis «Im Meer waren wir nie» ist ein leichtfüssiger und zugleich vielschichtiger Roman, der neue Familien- und Care-Beziehungen erkundet und für den Schweizer Buchpreis 2025 nominiert wurde.

Erzählt wird eine generationenüber-greifende «Freundinnengeschichte», wie die Berner Schriftstellerin bei einer Lesung im März 2026 in Thalwil erläuterte. Die namenlose Erzählerin und ihre beste Freundin Sophie ziehen gemeinsam deren 8-jährigen Sohn Eric auf. Das Titelzitat stammt von Sophies 95-jähriger Grossmutter Lili, die verwitwet im Altersheim lebt. Bezahlt von Lilis Tochter Klara geht die Erzählerin mit ihr einkaufen, liest ihr vor und unterhält sich mit ihr. Nur ihr erzählt Lili, dass sie neben ihrem Gatten Emil eine grosse Liebe hatte. Dessen Briefe erhält sie nach Lilis Tod, streut ihre Asche ins Meer und überlegt, «wie es gewesen wäre, wenn sie das Leben gelebt hätte, das sie wollte».

«Zu Hause ist mehr ein Gefühl als ein Ort»: Splitterhaft eingestreut sind Erinnerungen der Ich-Erzählerin an ihre muslimische Herkunftsfamilie. Wie die Autorin kam sie mit ihren Eltern aus dem Kosovo in die Schweiz, das stand im Zentrum von Kureyshis gefeiertem Debüt-roman «Elefanten im Garten» (2015). Durch ihre lakonisch-poetische Erzählweise, die wie Lyrik weissen Leerraum nicht scheut, bietet «Im Meer waren wir nie» ein nachhaltiges Lesevergnügen.

Meral Kureyshi, Im Meer waren wir nie, Roman, 213 Seiten
Limmat Verlag Zürich 2025, ISBN 978-3-03926-085-0

Wedding People

Lesetipp von Gudula Langhart

Es kommt oftmals anders, als man denkt, ist das Motto dieses herrlich komischen und tiefgründigen Buches. So schnell kann sich das Leben ändern und nur eine Entscheidung stellt alles auf den Kopf.

Phoebe, Professorin für Kultur-geschichte, ist am Tiefpunkt ihres Lebens. Zuviel lief nicht nach ihren Vorstellungen und sie will Schluss machen und das in einem exklusiven Hotel, von dem sie immer schon geträumt hat. Sich ein letztes Mal etwas gönnen, bevor sie abtritt.

Doch dann kommt ihr die Braut in die Quere, die ebenfalls an diesem Tag für ihre Hochzeitswoche anreist, die sie seit Jahren bis ins Detail geplant hat. Die Wege der beiden sehr unterschiedlichen Frauen kreuzen sich und ab diesem Zeitpunkt läuft nichts mehr nach Plan, aber setzt etwas anderes in Gang, das keine von ihnen erwartet hat. Oftmals sind zufällige Begegnungen im Leben nötig, um sich selbst wieder auf Kurs zu bringen.

Mit feinem Humor und viel Wärme erzählt die Autorin eine Geschichte über Menschen, die nach Tiefpunkten neuen Mut und Hoffnung schöpfen.

Wedding People, Alison Espach, 480 Seiten
Lübbe Verlag, 51063 Köln, 2025, ISBN 978-3-630-87730-3

Halbinsel Kristine Bilkau

Halbinsel

Thomas Dütsch

Die fünfundzwanzigjähre Linn erleidet bei einem Vortrag einen Kreislaufzusammenbruch und kehrt anschliessend zu ihrer Mutter Annett zurück, die allein in einem kleinen Haus in der Nähe von Husum lebt und in der örtlichen Bibliothek arbeitet. Für Annett, aus deren Sicht der Roman erzählt wird, bedeutet die Rückkehr der Tochter einen Einschnitt. Sie hat sich gut eingerichtet in ihrem Single-Leben, ihr Mann ist früh gestorben, das Haus gehört ihr. Mit viel Behutsamkeit beschreibt die Autorin, wie sich die Mutter an die neue Gegenwart der Tochter in ihrem Alltag zu gewöhnen versucht, ohne ihren Lebensrhythmus zu verlieren.

Nach einer Phase der langsamen gegenseitigen Annäherung stellt sich heraus, dass Linn, die vielversprechende, international ausgebildete Klimaexpertin, ihren Berufsweg nicht fortsetzen wird, sondern die Arbeit als Aushilfe in der Dorfbäckerei als ihre neue Aufgabe betrachtet. Die Entscheidung der Tochter stellt die Mutter vor neue Fragen: Was habe ich falsch gemacht in der Erziehung? Welche Erwartungen darf ich an Linn haben, nachdem ich ihr die Ausbildung finanziert habe? Wie wird das künftige Zusammenleben von Mutter und Tochter aussehen?

Kristine Bilkau ist eine Meisterin der leisen Töne. Der kluge, feingesponnene und gut zu lesende Roman stammt ganz aus unserer Gegenwart und ist eine ideale Lektüre für Eltern von erwachsenen Kindern.

Kristine Bilkau, Halbinsel, Roman, 221 Seiten
Luchterhand Literaturverlag München 2025, ISBN 978-3-630-87730-3

Porträt auf grüner Wandfarbe

Porträt auf grüner Wandfarbe

Carole Gugelmann

Gwen erhält 1992 einen Anruf von ihrer Tante Lily. Diese bittet sie, mit ihr nach Pommern zum ehe­maligen Gutshof der Familie zu reisen. Was als harmlose Reise klingt, wird schnell eine Irrfahrt für Gwen, auf einmal muss sie sich mit allerlei Geheimnissen und myste­riösen Andeutungen ihrer Familiengeschichte auseinander­setzen. Sie erfährt, wie sich ihre Familie in der wechselvollen Zeit des 20. Jahrhunderts behaupten musste. Ausserdem stösst sie auf viele gut vergrabene Lebens­geschichten und ein wohl­gehütetes Familiengeheimnis. In dem alten Gutshof findet sie nicht nur das Porträt auf grüner Wandfarbe, sondern auch zahl­reiche unerzählte Erinnerungen. Der Roman erzählt von Ella und Ilsabé, Lily und Gwen, Laura und Lotte, Käthe und Frau Schönlein. Starke, unabhängige Frauen, die wissen, was sie wollen und sich nicht mit der ihr zugeschriebenen Rolle abfinden möchten. Ein mitreissender Feel-Good-Roman, den man kaum aus den Händen legen kann und der noch lange nachklingt.

Ein spannender Roman über eine aussergewöhnliche Familie, starke Frauen mit ihren Leidenschaften und dem Wunsch nach Selbstbestimmung.

Elisabeth Sandmann, Portät auf grüner Wandfarbe, Roman
Piper Verlag, 512 Seiten, ISBN: 978-3-492-32198-3

Heidi

Heidi und das Weihnachtswunder

Annemarie Stocker

Das Mädchen Heidi und sein Grossvater, der Alpöhi, verbringen den Winter unten im Dorf. Doch Heidi muss immer wieder an die Grossmutter des Geissenpeters denken, die sich stets so sehr über seinen Besuch freut. Wie es ihr wohl geht?
Wegen des vielen Schnees verbietet der Grossvater Heidi, zur Hütte der Grossmutter auf den Berg zusteigen. Doch an Weihnachten, als der Alpöhi nicht zu Hause ist, fasst Heidi einen Entschluss: Es macht sich allein auf den Weg durch den Schnee. Vor der Hütte begegnet Heidi dem Geissenpeter und rettet ein kleines Zicklein, das als drittes Junges der Muttergeiss dem Hungertod geweiht ist. Mit dem Zicklein unter der Jacke kämpft sich Heidi tapfer durch den Schneesturm. Werden die beiden es zurück ins Dorf schaffen?
Diese berührende und spannende Geschichte gefällt Gross und Klein. Sie stimmt wunderbar auf das Theaterstück «Heidi» ein, aufgeführt vom Theater Kanton Zürich am Sonntag, 11. Januar 2026 um 15 Uhr im Theater Ticino (veranstaltet von der Lesegesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Johanna-Spyri-Museum).
Das Buch und das Theater sind für Kinder ab 5 Jahren empfohlen.

Autor: Tim Krohn, Illustratorin: Magdalena Fournillier
Hochdeutsch: ISBN: 978-3-7152-0853-4
Mundart (Bündnerdialekt) ISBN: 978-3-7152-0872-5

Porträt einer Ehe

Porträt einer Ehe

Gudi Langhart

Im Jahre 1557 wurde die gerade mal zwölfjährige Lucrezia de‘ Medici mit Alfonso II. d’Este, dem Herzog von Ferrara, verlobt. Eigentlich war die ältere Schwester dem Herzog versprochen, als diese aber überraschend stirbt, muss Lucrezia an ihrer Stelle den viel älteren Herzog heiraten. Lucrezia ein etwas eigenwilliges Mädchen, dass als sensibel, aber auch störrisch galt, durfte in ihrer neuen Rolle als Herzogin viele Freiheiten geniessen. Sie konnte sich ihrer Malerei widmen oder in den wunderschönen Gärten flanieren und den Tieren nahe sein. Einzige Bedingung war es, dem Herzog einen Thronfolger zu schenken. Als sie, trotz vieler Bemühungen nicht schwanger wird, lernt sie die dunklen Seiten des Herzogs kennen und wird Opfer eines Komplottes gegen sie, der mit ihrem Tod endet.

Eine sehr berührende Geschichte, die wunderbar erzählt und uns ein Bild der Renaissance, mit all ihrer Brutalität und Schönheit zeigt.

Maggie O’Farrell, Porträt einer Ehe, Roman, 464 Seiten
Piper Verlag, ISBN: 978-3-492-31986-7