Meral Kureyshis «Im Meer waren wir nie» ist ein leichtfüssiger und zugleich vielschichtiger Roman, der neue Familien- und Care-Beziehungen erkundet und für den Schweizer Buchpreis 2025 nominiert wurde.
Erzählt wird eine generationenüber-greifende «Freundinnengeschichte», wie die Berner Schriftstellerin bei einer Lesung im März 2026 in Thalwil erläuterte. Die namenlose Erzählerin und ihre beste Freundin Sophie ziehen gemeinsam deren 8-jährigen Sohn Eric auf. Das Titelzitat stammt von Sophies 95-jähriger Grossmutter Lili, die verwitwet im Altersheim lebt. Bezahlt von Lilis Tochter Klara geht die Erzählerin mit ihr einkaufen, liest ihr vor und unterhält sich mit ihr. Nur ihr erzählt Lili, dass sie neben ihrem Gatten Emil eine grosse Liebe hatte. Dessen Briefe erhält sie nach Lilis Tod, streut ihre Asche ins Meer und überlegt, «wie es gewesen wäre, wenn sie das Leben gelebt hätte, das sie wollte».
«Zu Hause ist mehr ein Gefühl als ein Ort»: Splitterhaft eingestreut sind Erinnerungen der Ich-Erzählerin an ihre muslimische Herkunftsfamilie. Wie die Autorin kam sie mit ihren Eltern aus dem Kosovo in die Schweiz, das stand im Zentrum von Kureyshis gefeiertem Debüt-roman «Elefanten im Garten» (2015). Durch ihre lakonisch-poetische Erzählweise, die wie Lyrik weissen Leerraum nicht scheut, bietet «Im Meer waren wir nie» ein nachhaltiges Lesevergnügen.